Rosé: Sommerwein mit Charakter
Wer Sommer hat, hat auch Rosé
Manchmal reicht ein Blick in den Kühlschrank, um zu wissen, dass der Sommer da ist. Kartonweise Rosé. Aus Frankreich natürlich. Aus der Provence sowieso. Aber längst nicht mehr nur von dort.
Rosé hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen. Es gab mal Zeiten, da war man schnell fertig mit dem Thema: hell, trocken, wenig Säure, Südfrankreich. Eiswürfel rein, passt. So weit, so gut. Aber auch ein bisschen schmal gedacht. Heute ist Rosé viel mehr als die schnelle Antwort auf hohe Temperaturen. Es gibt leichte, helle, zitrische Rosés für die Terrasse. Es gibt würzigere, strukturierte Rosés zum Essen. Es gibt Rosé aus Spätburgunder, Sangiovese, Grenache, Mourvèdre, Cinsault, Tibouren oder Lagrein. Und es gibt inzwischen viele Weine, bei denen nicht die Farbe die Hauptsache ist, sondern Herkunft, Handschrift und Charakter.
Provence bleibt Provence
Natürlich bleibt Provence-Rosé der große Bezugspunkt. Kaum eine Region hat es geschafft, einen Weinstil so klar zu prägen: helle Farbe, kühle Frucht, feine Kräuter, Frische, ein Hauch Mittelmeer und vor allem das richtige Gefühl. Das geht im übrigen auch ohne allzu klischeehaft zu werden. Gerade die guten Weine aus der Provence zeigen, dass Rosé dort nicht als Nebenprodukt verstanden wird. Ihm gilt die größte Sorgfalt, er ist längst nicht mehr nur Bestseller und Aushängschild, sondern längst Teil der DNA einer ganzen Region
In unserer Rosé-Auswahl stehen die Weine von Figuière aus Lalonde für diesen klassischen Provence-Stil: zugänglich, trocken, duftig, aber nicht banal. Noch eine Spur eigenwilliger ist Clos des B Le Rosé 2024. Das Weingut ist in Grimaud, im Golf von Saint-Tropez. Gwendolyn Berger arbeitet biodynamisch, und die Weine werden nicht filtriert und bleiben ungeschwefelt. Ihr Rosé ist eine Cuvée aus Grenache, Cinsault, Tibouren und Mourvèdre. Tibouren ist dabei ein schönes Stichwort, weil diese alte provenzalische Sorte genau das mitbringt, was gute Rosés so spannend machen kann: Würze, feinen Griff und eine gewisse salzige Kühle.
Rosé kann auch anders
Auch wenn die Provence Referenz bleibt, ist sie doch bei weitem kein Monopol für guten Rosé. Vielleicht ist gerade das die schönste Entwicklung der letzten Jahre: Rosé hat inzwischen viele Gesichter und ist nicht mehr auf einen einzigen Erwartungshorizont festgelegt. Wer bei Rosé nur an zartes Rosa und an jungen fruchtbetonten Wein mit wenig Säure und Eiswürfel denkt, verpasst inzwischen so einiges.
Aus Gaiole in Chianti in der Toskana kommt zum Beispiel Riecine Palmina Rosé 2025, ein Rosé aus 100% Sangiovese. Das ist schon deshalb interessant, weil Sangiovese als Sorte immer eine gewisse Säure, Spannung und herbe Frucht mitbringt. Das passt sehr gut zu einem modernen Rosé wie dem Palmina. Charaktervoll und weinig, fruchtbetont, klar, seriös und bei alldem absolut sommertauglich.
Aus Südtirol von Manincor haben wir La Rose de Manincor 2025. Vielschichtigkeit auch hier. Cabernet Franc, Merlot, Blauburgunder, Vernatsch, Tempranillo, Syrah und Petit Verdot klingen zunächst eher nach einem sehr gut sortierten Rotweinkeller als nach Rosé. Durch Saftabzug entsteht hier ein Wein mit etwas mehr Struktur. Ein Bordeaux-Blend plus X, der Frische mit Substanz verbindet. Nicht schwer, nicht laut, dafür elegant und als Essensbegleiter durchaus geeignet.
Und dann ist da Deutschland.
Rosé aus Deutschland: Spätburgunder, Kalk und ein zufriedener Kritiker
Deutscher Rosé hatte lange einen schweren Stand. Zu oft wurde er irgendwo zwischen Weißherbst, Restzucker und Kompromiss einsortiert. Das hat sich gründlich geändert. Gerade Spätburgunder-Rosé kann heute sehr eigenständig sein: kühl, klar, trocken, mit roter Frucht, feiner Säure und oft mit Spannung, Mineralität und Salzigkeit.
Der Ingelheim Spätburgunder Rosé 2025 von Simone Adams ist dafür ein besonders schönes Beispiel. Aus Ingelheim, von kalkgeprägten Böden, trocken, feinfruchtig, aber nicht gefällig im einfachen Sinn. Rote Frucht ist da, ja. Aber eben auch Kühle, Mineralität und eine ruhige Ernsthaftigkeit, die man bei Rosé nicht immer erwartet.
Dass Stephan Reinhardt ihn in der FAZ als Lieblingsrosé genannt hat, passt sehr gut zu dem Eindruck, den der Wein auch bei uns hinterlassen hat. Nicht, weil Rosé plötzlich schwer erklärt werden müsste. Sondern weil man hier sieht, wie selbstverständlich Rosé Herkunft zeigen kann. Kein großes Theater, keine Pose, keine Sommerinszenierung. Dafür ein sehr guter Spätburgunder-Rosé.
Auch Bettina Schumanns Mittenmang vom Kaiserstuhl gehört in diese Richtung. Ein Wein, der zeigt, dass nicht jeder Rosé jung und ultrafrisch sein muss. Ein wenig Holz, etwas mehr Zeit auf der Vollhefe, mehr Struktur – und plötzlich steht da ein Rosé, der nicht zwingend eisgekühlt getrunken werden muss. Ein idealer Begleiter zu Gemüse vom Grill, Fisch, hellem Fleisch oder Antipasti mit Olivenöl und Kräutern. Je mehr Röstaromen desto besser.
Eisgekühlt? Ja, aber nicht nur.
Natürlich darf Rosé unkompliziert sein. Man sollte aus Wein keine Grundsatzfrage machen. Ein guter Sommerwein soll erfrischen, soll Lust machen und nicht anstrengend oder fordernd sein. Aber das schließt Charakter nicht aus. Im Gegenteil: Die besten Rosés sind gerade deshalb so angenehm, weil sie beides können. Sie sind zugänglich, aber nicht beliebig. Sie sind leicht genug für warme Tage, aber nicht banal. Sie lassen sich solo trinken und passen sich doch auch einem leichten Essen an.
Unsere Rosé-Auswahl bietet deshalb von allem ein bisschen. Da sind Provence-Rosés für das klassische Terrassen-Feeling, Rosés aus Deutschland mit kühler Spätburgunder-Prägung, italienische Varianten mit mehr Würze und Struktur, Südtiroler Rosé mit Substanz, südfranzösische Weine für jeden Tag und ein paar Flaschen, die zeigen, dass Rosé auch reifen, fordern und überraschen darf.
Am Ende ist Rosé vielleicht genau dann am besten, wenn man ihn nicht unterschätzt. Kalt genug, aber nicht eiskalt. Trocken, aber nicht streng. Fruchtig, aber nicht süßlich. Sommerlich, aber nicht belanglos. Wir freuen uns über den Sommer und die neue Vielfalt im Rosé-Regal.